Rückwärts bergauf –
Effektive Übung zum Muskelaufbau beim Pferd?
Eine Mini Versuchsreihe (04/20)
Viele Pferdebesitzer sind auf der Suche nach sinnvollen Methoden für den Muskelaufbau beim Pferd. Beim Stöbern im Internet stößt man auf zahlreiche Trainingsansätze – einige erscheinen logisch, andere werfen Fragen auf. Eine besonders spannende Übung ist das „Rückwärts bergauf“, das sowohl die Biomechanik des Pferdes als auch seine mentale Verfassung anspricht.
Rückwärtsrichten: Mehr als nur eine gymnastische Übung
Das Rückwärtsrichten ist eine komplexe Lektion innerhalb der Pferdeausbildung. Es handelt sich hierbei um eine versammelnde Lektion. Neben den körperlichen Anforderungen spielt auch der psychische Aspekt eine entscheidende Rolle. Als Fluchttier bewegt sich das Pferd bevorzugt nach vorne; der Bereich hinter ihm liegt im sogenannten „toten Winkel“. Rückwärts geht ein Pferd daher meist nur dann, wenn es sich dazu gezwungen fühlt.
Gerät ein Pferd in Stress oder Angst und weicht hastig rückwärts, besteht sogar die Gefahr des Überschlagens. Deshalb ist ein pferdegerechtes Trainieren essenziell, bei dem Verständnis und freiwillige Mitarbeit im Vordergrund stehen.
Historische Grundlagen der Versammlung
Bereits der französische Reitmeister François Robichon de la Guérinière (1688–1751) beschrieb das Rückwärtsrichten als Übung zur Förderung von Durchlässigkeit, Hankenbeugung und damit zur Versammlung des Pferdes. Er empfahl jedoch, diese Lektion behutsam einzusetzen, da sie einen ungymnastizierten Rücken sowie die Gelenke der Hinterhand überfordern könne.
Auch die FN-Ausbildungsrichtlinien betonen, dass der Reiter im Moment der Rückwärtsreaktion mit der Hand nachgeben soll. In der Praxis wird dies leider nicht immer korrekt umgesetzt. Zu starker Zügeldruck führt häufig zu Verspannungen, einem festen Rücken und damit zu steifen Hinterhandgelenken – genau das Gegenteil dessen, was für einen gesunden Muskelaufbau beim Pferd erforderlich ist.
Was passiert beim Rückwärtsrichten im Pferdekörper?
Bei korrekt ausgeführtem Rückwärtsrichten tritt das Pferd diagonal nach hinten. Idealerweise beugt es dabei die Hanken, hebt den Widerrist an und entlastet die Vorhand. Diese relative Versammlung fördert gezielt den Muskelaufbau der Hinterhand sowie die Stabilisierung der Rumpfmuskulatur – zentrale Aspekte eines gesunden und nachhaltigen Pferdetrainings.
Die Übung „Rückwärts bergauf“ kann diesen Effekt zusätzlich verstärken, da die Steigung die Aktivität der Hinterhand intensiviert. Unabdingbare Voraussetzung ist jedoch eine sorgfältige, schrittweise Heranführung und die mentale Bereitschaft des Pferdes!
Praxistest: Individuelle Reaktionen der Pferde
Um die Wirkung dieser Übung besser zu verstehen, habe ich eine kleine „Mini-Testreihe“ mit meinen Pferden durchgeführt. Da jedes Pferd individuelle körperliche und mentale Voraussetzungen mitbringt, erfolgte die Herangehensweise besonders behutsam. Keines der Pferde wurde zu der Übung gezwungen; stattdessen stand die freiwillige Mitarbeit im Mittelpunkt.
Da keines der Pferde diese Übung zuvor kannte, wurde die Durchführung jeweils zweimal abgefragt, um aussagekräftiges Bildmaterial zu erhalten. Die Ergebnisse verdeutlichen, wie unterschiedlich Pferde auf diese anspruchsvolle Übung reagieren können und wie wichtig ein individuell angepasstes pferdegerechtes Training ist.
Die Bilder zeigen jeweils die Phasen: 1) in Ruhe stehen und vorbereiten, 2) losgehen, 3) mittendrin, 4) Übung beendet
Beispiel 1: Hannoveraner (Halbblut) Stute Nani, 21 Jahre, völlig untrainiert, früher Springen und Dressur




Bei dieser Stute spielt die Psyche die wesentliche Rolle. Würden wir uns nicht schon seit über 15 Jahren kennen, wäre eine solche Übung nicht möglich gewesen. Wir haben lange gestanden, bis sie bereit war (Phase 1). Um loszugehen, verlagert sie ihr Gewicht gut sichtbar nach hinten, wobei der Rücken aufgrund der nicht gebeugten Gelenke „durchhängt“ (Phase 2). Sie geht nur zögerlich einen Schritt zurück (Phase 3).Wir sehen, dass sie in der Lage ist, ihre Hanken zu beugen. Deutlich ist zu sehen, wie sie quasi bis in die Schweifspitze mit ihrem Körper arbeitet und versucht, sich auszubalancieren, um im nächsten Moment notfalls nach vorne flüchten zu können, um dann ihrerseits die Übung zu beenden (Phase 4). Der Kopf bleibt sicherheitshalber oben. Mein Fazit: Diese Übung ist für dieses Pferd nicht geeignet, weil es seiner Natur vollkommen widerspricht.
Beispiel 2: PRE Wallach Amador, 13 Jahre, Reha




Bei diesem Wallach spielen sowohl sein fehlendes Körpergefühl als auch seine Psyche eine große Rolle. Das erste Bild zeigt ihn in Erwartung einer Aufgabe, die ihn möglicherweise überfordern könnte. Das ist ein typisches Verhalten für ihn, denn in seiner Jugend musste er wohl einiges ertragen, was er offensichtlich immer noch nicht verarbeitet hat. Auf dem Bild kann man das nicht erkennen, aber da wir uns gut kennen, kann ich das für den Leser „übersetzen“. Phase 2: er verlagert sein Gewicht nach hinten. gleichzeitig geht der Kopf nach oben. Das, was er seinen Hinterbeinen zugemutet hat, ist plötzlich doch zuviel für seine Psyche. Er hat große Angst, dass ihn seine Hinterbeine nicht tragen können. Phase 3: Gelenke öffnen sich, um in Phase 4 die Übung zu beenden. Ganz klar: Abwehrreaktion, Arbeit ohne Rücken. Meine Meinung: Diese Übung ist für dieses Pferd nicht geeignet. Es müssen noch viele Schritte davor gemacht werden!
Beispiel 3: Portugieser Wallach Orfeo, 10 Jahre, in Ausbildung vom Boden aus (Longe und Freiarbeit)





Bei diesem Wallach können wir einen komplett anderen Bewegungsablauf beobachten. Aus diesem Grunde habe ich hier 5 Fotos ausgewählt. Er freute sich schon auf eine neue Aufgabe, als ich mit dem Halfter in der Hand zu ihm kam. Kaum an den Start gestellt (Phase 1) hatte er schon mindestens eine Idee, was er tun könnte. Aus meiner Körperhaltung hatte er schon längst geschlossen, was kommen würde. Er setzte sein Gewichte prompt auf die Hinterhand und trat rückwärts, und das mit solch einer Hankenbeugung, dass man gar nicht auf die Idee käme, wie steil der Berg wirklich ist. Beim Zurücktreten sieht man es dann deutlich. Danach habe ich die Übung beendet. Das, was wir hier beobachten können, ist die relative Aufrichtung, also ohne Zwang und mühelos. Die Energie kann hier von den Hinterbeinen bis nach vorne durch den Kopf und wieder zurückfließen. Er hätte so noch den kompletten Berg hochgekonnt, wenn ich ihn nicht gestoppt hätte. Meine Meinung: Diese Übung ist für dieses Pferd eine Abwechslung, aber keine echte Bereicherung.
Fazit: Individuelles Pferdetraining statt pauschaler Methoden
Auch wenn meine Beobachtungen auf einer kleinen Anzahl von Pferden basieren – darunter ein weiteres Pferd, das nicht mir gehört – haben sie eindrucksvoll gezeigt, wie unterschiedlich Pferde auf eine anspruchsvolle Übung wie das Rückwärts bergauf reagieren. Jedes Pferd ist ein Individuum mit eigenen körperlichen und mentalen Voraussetzungen. Genau deshalb gibt es keine universelle Trainingsmethode, die für alle Pferde gleichermaßen geeignet ist.
Wer auf der Suche nach sinnvollen Übungen für den Muskelaufbau beim Pferd oder ein gezieltes Pferdetraining ist, sollte sich stets einige grundlegende Fragen stellen:
Was habe ich für ein Pferd?
Woran möchte ich konkret arbeiten?
Ist diese Übung für mein Pferd geeignet?
Welchen Nutzen kann sie meinem Pferd bringen?
Der größte Fehler besteht darin, Trainingsmethoden unreflektiert zu übernehmen – sei es, weil sie im Internet empfohlen werden, in sozialen Netzwerken wie Facebook kursieren oder von anderen ungeprüft weitergegeben werden. Pferdegerechtes Training erfordert hingegen Fachwissen, Beobachtungsgabe und die Bereitschaft, individuell auf das eigene Pferd einzugehen.
Mein wichtigster Appell lautet daher: Hört Euren Pferden zu! Sie kommunizieren ständig mit uns und geben wertvolle Hinweise darauf, was ihnen guttut und was sie überfordert. Wer diese Signale wahrnimmt und respektiert, schafft die Grundlage für nachhaltigen Muskelaufbau, Vertrauen und eine harmonische Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd.
